Die Kunst des Spiegelns - oder: Heilung im Spiegel der Präsenz

Cristina Maier, August 2019

 

„Moving in“

Ich bin zu einer Focusing-Sitzung mit einer meiner Focusing-Partnerinnen verabredet.
Als ich an der Reihe bin, um mich in der Präsenz meiner Begleiterin einem aktuellen Thema zuzuwenden, geschieht Folgendes: Während ich den Felt Sense zu meinem Thema erforsche, nehme ich ein starkes Vibrieren um meine Schultern, Oberarme und Hände wahr. Dies teile ich meiner Begleiterin mit, die mir mit fast denselben Worten spiegelt, „dass ich ein starkes Vibrieren um meine Schultern und Hände erfahre“. (Sie hatte darauf verzichtet / vergessen auch meine Oberarme zu erwähnen, die von dem Vibrieren betroffen waren). Und dann geschah zu meiner großen Faszination Folgendes: Sowohl meine Schultern als auch meine Hände schienen noch stärker in den Vordergrund meiner Aufmerksamkeit zu rücken, wodurch das Vibrieren an diesen Stellen noch stärker wahrzunehmen war, während ich meine Oberarme plötzlich kaum mehr spüren konnte. Das Staunen über diesen direkten Zusammenhang, den das Echo meiner Worte auf meine körperliche Erfahrung bzw. meine Wahrnehmung hatte, in Kombination mit meiner jahrzehntelangen „Forschungsreise“ zu dem in sich verwobenen Themenkomplex rund um „Heilung, Bewusstsein & Beziehung“ inspirierte mich für meinen Mini-Research im Kontext der Focusing-Weiterbildung, mich dem Thema des „Spiegelns“ etwas genauer zuzuwenden.

 

„Going deeper“
Meine nächste Focusing-Sitzung, eine Woche später, widme ich also dem Thema „Spiegeln“. Gleich zu Beginn taucht aus einer wortlosen Tiefe ein Bild von einem Baby auf. Etwas in mir fühlt sich sehr zart und verletzlich an und da war die Sehnsucht einfach nur gehalten zu werden, ganz sanft. Ich lasse dieses „verletzliche Etwas“, das noch keine Worte hat, spüren, dass ich es wahrnehme und sehe vor meinem inneren Auge, wie ich das Baby in dem Arm nehme.... sofort entspannt sich etwas in mir und wird ruhig, fühlt sich „gesehen“ – wohl dadurch, dass es sich durch meine eigene Präsenz und die meiner Begleiterin wahrgenommen fühlt. Dies bildet sich vor meinem inneren Auge so ab, dass das Baby in dem direkten Körperkontakt Halt erfährt und sich auf diese Weise überhaupt erst spüren kann / sich seiner selbst bewusst wird. Etwas in mir versteht in der Tiefe, dass es sich erst durch diesen Halt in seiner Existenz gespiegelt erfährt und dadurch „wissen“ kann, dass es existiert.

Nun scheint ein Bild aus dem nächsten zu erwachsen ... wie bei dem Blick durch ein Kaleidoskop zeigt sich mir, wie das Prinzip des Spiegelns sich auf so vielen Ebenen des Lebens wiederholt: Wie ein Ich zum Ich wird durch das Du und durch das In-Beziehung-Sein sich selbst erfahren und so erst leben kann.

Etwas in mir erinnert sich an die grausamen Lebensumstände, die Waisenkinder unter der Herrschaft Ceausescus im sozialistischen Rumänien erleiden mussten. Diese Babys und Kinder wurden ohne das geringste emotionale Beziehungsangebot und unter prekären Umständen sich selbst überlassen. Die meisten dieser Kinder starben in der Regel an den Folgen dieser herzzerbrechenden Vernachlässigung und dem Mangel an Halt-gebender Zuwendung. Kurz: Sie starben an Beziehungsmangel. Es war Emmi Pikler (Emmi Pikler u. a.: Miteinander vertraut werden. Arbor Verlag, Freiamt 1994), die bekannte Kinderärztin und Begründerin der sogenannten Pikler-Pädagogik, die für ihren beziehungs-sensiblen Pflegeansatz bekannt wurde.

Sie entdeckte, dass in einem Kinderheim in Budapest, auch trotz geringer zeitlicher Ressourcen die Kinder sich gut entwickeln konnten, wenn sie zumindest während der Zeit, in der sie gefüttert und gewickelt wurden, aufmerksam in ihrer Gefühlslage, ihrem Tempo und ihrem Ausdruck gespiegelt wurden und so eine herzliche Zuwendung erfuhren. Auf diese Weise haben sich die Babys und Kinder in Beziehung erfahren und in der Präsenz eines liebevollen Erwachsenen gehalten und gespiegelt gefühlt. Dies hat ihnen – im Gegensatz zu den Kindern in den rumänischen Kinderheimen – ermöglicht, am Leben zu bleiben und sich gut entwickeln zu können.

 

„Carrying forward“
Wie auf einer Zündschnur tauchen weiter Bilder auf....ein innerer Raum nach dem anderen öffnet sich...Schmerz taucht auf über essentielle Erfahrungsräume in meiner eigenen Kindheit, in denen ich keine Spiegelung erfuhr...ohne ein Gegenüber...nicht gesehen/ gehört/ gefühlt worden zu sein...und so der Rückschluss entstanden ist, nicht verstanden/ nicht wahrgenommen zu sein...ein Nicht-Verstanden-Sein, das in der Einsamkeit wurzelte, die durch die Nicht-Reflexion erwachsen war.
Doch hier und jetzt: Gehalten und gespiegelt in der Präsenz meiner Focusing-Partnerin, die meist still und doch ganz wach meinen Prozess bezeugt, zuhört und hin und wieder mir Essentielles „zurücksagt“.

 

„Shift“
Da geschieht ein Ausatmen und etwas in mir kann loslassen, einfach weil es (sich von mir und ihr) wahr-genommen fühlt. Ich bin da. Ich bin. Und da ist ein Verbunden-Sein in mir und mit dir.
Grad geschieht ein Spiegeln, ganz jenseits der Worte...einfach gemeinsam DA-Sein, ganz schlicht...und wie schön! Es erlaubt mir, mich selbst wahrzunehmen. Meine eigene Präsenz im Spiegel ihrer Präsenz zu erkennen. Es geht nicht darum gleich denken / glauben / fühlen / handeln / spüren zu müssen – es braucht nur ein Anerkennen von dem, was sich gerade zeigt und wahrgenommen werden will. Freiheit.

 

„Crossing“
Und da beginnt eine Amsel ihr wunderschönes Lied zu singen. Und eine zweite antwortet auf dieselbe Weise. Es entfaltet sich ein Dialog zwischen diesen beiden Vögeln, der so tief berührt, als würde die ganze Welt zum Stillstand kommen und nur noch der Amsel-Dialog erklingen. Und sie singen von der Stille und erzählen von der tiefen Süße und der Wehmut und auch vom Glück.

 

„Coming out“
Als ich nach dieser halbstündigen Reise wieder „auftauche“, erinnert sich etwas in mir an ein Zitat von Meister Eckhart – einem Mystiker aus dem 13. Jahrhundert – der von drei Stufen des Gebets gesprochen hat: Der Bitte – dem Dank – und der Stille.
Präsenz als lebendige Stille – im Gegensatz zu einer toten Stille / einem Nicht-Gegenwärtig- Sein – ja, das ist wohl die tiefste Art der Spiegelung, eben ganz ohne Worte...dann, wenn sich das Sein im Sein das anderen begegnet und erkannt fühlt.

Die Kunst des Spiegelns im Focusing-Prozess

Während einer Focusing-Begleitung haben wir viele Möglichkeiten den Prozess des/der anderen zu spiegeln. Mal wiederholen wir das Gehörte Wort für Wort. Mal fassen wir nur das ganz Wesentliche zusammen. Mal lassen wir nur das letzte Wort noch einmal im Raum erklingen. Mal wagen wir das, was wir wahrnehmen, auch wenn es noch keine Worte gefunden hat, zu benennen. Wir können auch Gesten und Körperhaltungen spiegeln. Das Implizite und auch das Explizite. Wir bieten Raum, damit sich unser Gegenüber wahrgenommen, gehört und verstanden fühlt. Wir bieten Raum, damit sich unser Gegenüber auf diese Weise selbst besser wahrnehmen, sich selbst Gehör schenken und verstehen kann. Es ist ein gemeinsamer Tanz entlang des „murky edge“. Wir wissen nichts, aber wir sind neugierig und offen für das, was entdeckt werden mag.

Die Kunst des Spiegelns im Alltag

Auch hier gibt es so manches zu entdeckenJWährend wir im Focusing das Spiegeln bewusst einsetzen, können wir in unseren alltäglichen Beziehungen und Begegnungen auch immer wieder bemerken, dass so manche Kommunikation / mancher Austausch verbindend wirkt, während andere Gespräche irritierend oder sogar verletzend sein können. Letzteres geschieht dann, wenn:

  • das, was du teilst, abgewertet bzw. klein gemacht wird. Dies ist in der Regel sehr schmerzlich und kann zu Ohnmachtserfahrungen bis hin zu einer tiefreichenden Resignation führen.

    Diese Art der abwertenden Kommunikation nennt sich „Unter-Spiegeln“

  • auf das, was du teilst, sehr übertrieben reagiert wird / etwas überbewertet wird....

    ...im Sinne von „Du bist soo toll!“ Dieses – wie jedes - Urteil verhindert, dass wir uns wirklich wahrgenommen fühlen. Oft versucht sich das Gegenüber seinen eigenen Selbstwert über den des anderen abzuholen.
    Diese Art der Kommunikation nennt sich „Über-Spiegeln“

  • sich jemand zeigt und zum Ausdruck bringt und der andere beginnt von etwas ganz anderem zu reden, so dass es nur noch peripher mit dem Gesagten in Verbindung steht. Als Kinder fühlen wir uns in so einer Kommunikationsdynamik „verkehrt“ und „nicht geliebt“.

    Dies nennt sich „Verzerrtes Spiegeln“

  • wenn der andere mit der Aufmerksamkeit einfach nicht da ist, das Gesagte ignoriert

    bzw. sich mit etwas anderem beschäftigt und keinen Bezug darauf nimmt. Dies kann bei Kindern dazu führen, dass sie sich „nicht wirklich“ existent fühlen, sodass sie beginnen bestimmte Gefühle in Folge abzuspalten.
    Diese Art der Kommunikation nennt sich „Leere Spiegelung“ (Mitschrift von einem Seminar im Aruna Institut unter der Leitung von Regina König und Hellwig Schinko, 2014)

wahr-genommen & beantwortet

So verletzend es also sein kann, nicht angemessen gespiegelt zu werden, so heilsam kann es sein, sich gesehen / gehört / wahr-genommen zu fühlen und durch die urteilsfreien Augen und Blicke / Ohren und Worte / präsente Gegenwart und achtsame Berührung gespiegelt zu erfahren. Dies ist etwas, was die wenigsten von uns als Kinder durchgängig erlebt haben.

So weist, unter anderen, auch der Entwicklungspsychologe Jens Tiedemann darauf hin, dass wir zur Entwicklung unserer Gefühle andere brauchen: „Wir kommen alle mit einem Grundmuster von Gefühlen auf die Welt – den sogenannten Primärgefühlen, die in uns allen veranlagt sind. Dass sich diese aber wirklich entwickeln können, dazu braucht es einantwortendes Gegenüber - Mutter, Vater oder auch andere Bezugspersonen, die dem Kind seine Gefühle widerspiegeln.“ In der Säuglingsforschung nennt man Spiegeln den Prozess, wenn Eltern ihren Kindern deren Emotionszustand widerspiegeln ohne sich davon „anstecken“ zu lassen. Erst dies führt dazu, dass sich ein gesundes Gefühlsleben ausbilden kann – d.h.: Der Mensch entwickelt sich durch das Zurückspiegeln der Gefühle. Wird das Kind allerdings über einen zu langen Zeitraum nicht angemessen gespiegelt, erfährt es sich im Kontakt zu seinen Bezugspersonen als nicht wirksam. Ein nicht-empathisches Antworten des Gegenübers (also ein Unter-/ Über-/ Verzerrt- oder Leer-Gespiegelt Werden) führt zumeist zu einem inneren Rückzug, aus dem heraus sich ein „Ur-Misstrauen“ entwickelt – in der Annahme, dass andere nicht emotional verfügbar/ da sind. In anderen Fällen führt es dazu, dass Kinder emotional zu dramatisieren beginnen müssen, um zumindest irgendeine Resonanz zu erfahren. (Jens Tiedemann im Interview mit Hans Groiss für das Radiokolleg „Aufeinander einlassen“ (26.8.2019)

 

In schwerwiegenden Fällen kann der damit verbundene Stress und daraus resultierende Bindungs-und Entwicklungstraumata ein Leben lang unsere Beziehungsfähigkeit und unser Beziehungs(er)leben beeinträchtigen und belasten.

Genau diese Erkenntnisse bekannter Bindungstheorien würdigend und - unter anderem auch - auf die heilsamen Erfahrungen aus der Arbeit mit Focusing aufbauend, entwickelten Harville Hendrix und Helen Hunt einen speziellen Prozess namens Imago-Therapie.Auch hier steht das Spiegelndessen, was uns unser Gegenüber anvertraut, ganz im Zentrum des Prozesses. Das spezielle Setting soll in gewissem Sinne die Bindungsphase repräsentieren und so den Raum eröffnen, um Beziehung ganz neu zu erfahren. Eine wunderbare Möglichkeit, um in gegenwärtigen Beziehungen - also im Hier und Jetzt - etwas zu erleben, was wir vielleicht nie in dieser Qualität als Kinder erfahren haben. Interessant ist es, in diesem Prozess zu entdecken, dass oft schon allein dadurch, dass jemand da ist und zuhört, sodass ich mich wirklich gehört fühle, das Gefühl erwächst, beantwortet zu sein. Kurzum, die Präsenz eines anderen verhilft uns zu Selbst-Erkenntnis.

Liebevolle Präsenz ist also die eigentliche Vorbedingung, sodass ein Spiegelungsprozess unterstützend und sogar heilsam erlebt werden kann. So, wie eine Gebärmutter die haltenden Umgebung und den unterstützenden Raum zu Verfügung stellt, damit sich darin Leben entwickeln kann, so können sich auch in Folge Kinder im Halt gebenden Raum liebevoller Präsenz am besten weiterentwickeln. Als gereifte Erwachsene sind wir dann eingeladen, uns auch selbst Halt zu geben, indem wir in Beziehung zu - manchmal auch herausfordernden – inneren Erfahrungen und Gefühlen präsent bleiben können.

Doch gerade, weil das nicht immer leicht ist, kann uns ein Focusing-Prozess beziehungsweise eine Focusing-Partnerschaft auf diesem Weg so wunderbar unterstützen! Denn hier öffnet sich der Raum, in dem wir uns wechselseitig unsere Erfahrungen und inneren Prozesse anvertrauen und diese durch unsere Focusing-PartnerIn bezeugt und gespiegelt erfahren. Darüber hinaus wird uns aber auch unsere eigene Präsenz durch die Präsenz unseres Gegenübers gespiegelt. Und das ist auf eine sehr schlichte Weise verbindend, tiefreichend und einfach schön.

 

Die Imago-Paar-Therapie arbeitet eklektizistisch und verbindet analytisches Wissen mit Methoden der Transaktionsanalyse, der Gesprächs-, Verhaltens-, Gestalt- und systemischen Familientherapie. Der Therapeut ist als Coach des Prozesses tätig, die Heilung unerledigter Kindheitsverletzungen erfolgt durch die PartnerInnen gegenseitig in verschiedenen Prozessen, den „Imago-Dialogen“. (Stangl, 2019).

Stangl, W. (2019). Stichwort: 'Imago-Paar-Therapie'. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. WWW: https://lexikon.stangl.eu/3580/imago-paar-therapie/ (2019-08-18)

Im Imago-Prozess wird auf ein wortgetreues Spiegeln Wert gelegt, um keinerlei Interpretationen Raum zu geben und zu unterstützen, dass der andere sich sicher sein kann wirklich gehört worden zu sein.

 


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